Ein Beitrag von Michael Sahm

Kosten für die Umstellung auf G9 in NRW

Das Ministerium für Schulen und Bildung NRW (MSB) hatte ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die Kosten für die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren (G9) zu ermitteln. Die Ergebnisse sind jetzt da.

Das Gutachten spricht von einmaligen Bau- und Ausstattungskosten in Höhe von 518 Millionen Euro und jährlich wiederkehrenden Kosten für Lernmittel, Schülerfahrkosten, Betriebs- und Unterhaltungsaufwand sowie nicht lehrendes Personal in Höhe von 31 Millionen Euro.

Dazu ein, zwei Worte von mir:

Zunächst einmal meine ich hier die Absicht (a.k.a. „hidden agenda“) zu erkennen, die Rückkehr zu G9 auf Grund dieser „hohen“ Investitionen zu diskreditieren. Über eine halbe Milliarde Euro… das ist auf den ersten Blick ein Betrag, der unreflektiert durchaus zu Schnappatmung führen und die (abgeschlossene) Diskussion wieder anheizen könnte.

Aber der Reihe nach.

Eine NRW-Regierung in der Zwickmühle

Eine schwarz-gelbe NRW-Regierung hat seinerzeit G8 durchgedrückt, willfährig sekundiert von der rot-grünen Opposition. Es hieß damals, die Jugendlichen sollten ein Jahr früher als Arbeitskräfte und Steuerzahler in Lohn und Brot kommen. Über Erfolg und Misserfolg des G8-Experiments lässt sich trefflich streiten, je nachdem, welche Statistik man sich zu eigen macht. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich G8 für ein teures, demotivierendes, gesundheitsschädliches und sozial unverträgliches Experiment halte, das zu Lasten der Jugendlichen, der Pädagogen und der Eltern geht.

Tatsächlich haben sich die G8-Gegner durchgesetzt, so dass das Koalitionspapier der neuen schwarz-gelben NRW-Regierung die Abkehr vom „Turbo-Abi“, zurück zum Abitur nach neun Jahren am Gymnasium vorsieht. Es ist halt angeraten, den Willen einer nicht zu vernachlässigen Zahl an Wählern zu berücksichtigen.

Die neoliberale Agenda von Schwarz-Gelb ist nach wie vor aktuell (lt. Koalitionsvertrag: Schulrankings, evidenzbasierte Pädagogik, Zielvereinbarungen etc.). Insofern muss es schon schmerzhaft sein, den früheren Eintritt junger Menschen in ein längeres Arbeitsleben aufgeben zu müssen. Die Exit-Strategie, die Gymnasien doch noch für den Verbleib bei G8 entscheiden zu lassen, scheint nicht aufzugehen. Verlässliche Statistiken dazu gibt es noch keine (zumindest habe ich noch keine gefunden), aber die Tendenzen in der Aachener Schullandschaft gehen eher flächendeckend in Richtung G9. Ich vermute, das wird im Rest-NRW nicht wesentlich anders sein.

Es bleibt abzuwarten, wie sehr die NRW-Landesregierung tatsächlich hinter G9 steht und den Spagat zwischen einer Bildung mit Return-of-Investment und einem entstressten Abitur nach 13 Jahren schafft.

Das Gutachten

Erstellt hat das Gutachten das „Wuppertaler Institut für bildungsökonomische Forschung „(WIB). Die „Bildungsökonomie“ befasst sich u.a. mit der Wirtschaftlichkeit von Bildungsausgaben, also quasi mit dem Return-of-Investment (oder: Wo finden sich die Bildungsausgaben bei Wirtschaft und Arbeitsmarkt wieder). Persönlich würde ich sagen, dass sich die Sinnhaftigkeit dieses Gutachtens damit für mich bereits erledigt hat… ja, ich weiß, ich bin voreingenommen. Aber bei Kosten-Nutzen-Betrachtungem im Bildungsbereich reagiere ich eben sehr verschnupft.

Außerdem stelle ich ja gar nicht in Frage, dass da hohe Kosten auf uns (bzw. die Kommunen) zukommen. Ich würde mir nur gerne wünschen, dass da jemand dieses Gutachten nachvollziehbar analysiert. Stattdessen ballern die Alphamedien unreflektiert „Investitionen von über 500 Millionen Euro für G9!!!“ in den Äther. Danke für nichts!

Das Gutachten umfasst 83 Seiten, vollgestopft mit aktuellen Zahlen und Statistiken. Wer mehr Infos zu den Gymnasien in NRW sucht, dem lege ich das Gutachten tatsächlich sehr ans Herz. Da steht viel Interessantes drin!

Die Methodik der Wertermittlung mag durchaus fundiert sein, allerdings zeigt sie in meinen Augen einige Schwächen:

  • So haben nicht alle Schulträger und Schulleitungen auf den Fragebogen geantwortet. Die Datenlage ist also nicht vollständig.
  • Die Bedarfsdaten, die die Gutachter von Trägern und Schulleitungen zurückgemeldet bekamen, sind auch nicht viel mehr als Schätzungen. Und wenn man schon gefragt wird, was man so braucht, dann möchte ich den Verantwortlichen erleben, der freiwillig auf Budget verzichtet, indem er sich ohne Not besser stellt. Insofern sind diese Bedarfe in meinen Augen sehr mit Vorsicht zu genießen.
  • Ich vermisse die Anzahl der Gymnasien, die bei G8 bleiben. Das Gutachten geht davon aus, dass alle Gymnasien zu G9 zurückkehren. Einerseits rechnen die Statistiker einzelne Gymnasien aus der Betrachtung heraus (weil sie auslaufen oder anderweitig aus dem Fokus fallen), andererseits ignorieren sie die vielleicht 10-20 Gymnasien in NRW, die keine Investitionen benötigen, da sie bei G8 bleiben. Sehr inkonsequent.
  • Eine Schülerprognose bis zum Jahr 2026 kann immer nur sehr vage sein, die Aufnahme von Geflüchteten ist schon mal überhaupt nicht vorauszuberechnen.

Auch interessant zu wissen wäre, was Land und Kommunen in den vergangenen Jahren durch die verkürzte Schulzeit gespart haben. Oder – und da bin ich wieder bei der Bildungsökonomie – was die Wirtschaft bzw. das Einkommenssteuersäckel in den vergangenen Jahren durch G8 so an Mehreinnahmen hatte. Glaubt man den vollmundigen Versprechungen von damals, dann müssten diese Mehreinnahmen doch eigentlich ein Vielfaches der jetzt berechneten G9-Rückkehrkosten betragen… und wenn nicht, wäre G8 in seiner Motivation also eh gescheitert und der Wechsel zu G9 überfällig. Dieses Gutachten vermisse ich.

Und abschließend: 500 Millionen Euro, gerechnet auf acht Jahre, sind etwa 63 Millionen Euro an Investitionskosten pro Jahr. Danach etwa die Hälfte pro Jahr als wiederkehrende Kosten.

Abgesehen davon, dass der BER in einem Monat schon 41 Millionen Euro verbrennt (Prioritäten, und so), erhalten alle Kreise und Kommunen pro Jahr sowieso schon mehrere hundert Millionen Euro (in 2018 ca. 610 Millionen Euro) als „Schulpauschale“ für den Neu-, Um- und Erweiterungsbau, den Erwerb, die Modernisierung und für raumbildende Ausbauten sowie für die Einrichtung und Ausstattung von Schulgebäuden. Im Vergleich dazu sind die 500 Millionen Euro Rückkehrkosten bis 2026 ein Zubrot (wenn dieser Betrag denn überhaupt realistisch ist). Die Schulpauschale wird übrigens im Gutachten nur einmal auf Seite 44 erwähnt, obwohl die doch eigentlich ein zentrales Finanzierungs- und Steuerinstrument wäre.

Spätestens jetzt erschließt sich mir die Zielführung des WIB-Gutachtens nicht mehr. Und genau diese Aufarbeitung hätte ich von einer anständigen Berichterstattung erwartet. „Die Rückkehr zu G9 erfordert eine Erhöhung der Schulpauschale um 10% für die nächsten acht Jahre, danach dauerhaft um 5%“ wäre mal so eine Schlagzeile gewesen…

Die Stadt Aachen wird übrigens ein eigenes Gutachten in Auftrag geben, um den Bedarf an Infrastruktur und Investitionen für die Aachener Gymnasien bei der Rückkehr zu G9 zu ermitteln. Das unterstütze ich. Und ich werde natürlich berichten.