Soziales Wirtschaft

Bitte alle Aussteigen: Endstation Bombardier!

Der kanadische Waggon- und Flugzeugbauer Bombardier hat angekündigt, den Standort Aachen bis Mitte 2013 ersatzfrei zu schließen. Etwa 1200 Arbeitsplätze wären durch die Werkschließung direkt und indirekt betroffen.

Nach über 170 Jahren steht das Aachener Eisenbahnwaggon-Werk an der Jülicher Straße vor dem Aus. Der kanadische Flugzeug- und Waggonbauer Bombardier, seit 1995 Besitzer des damit ehemaligen Talbot-Werkes, hat am Manövertisch entschieden, dass er nach Abschluss der aktuellen Aufträge das Werk gegen Mitte 2013 schließen wird.

Die Auftragslage ist gut bis hervorragend (Auslastung in Aachen über 100%!). Der Bereich Schiene steht nicht wirklich schlecht da, und auch die Zweige Luftfahrt und Kriegsgerät dürften den Konzern nicht ans Hungertuch bringen. Entsprechend fragwürdig ist diese Entscheidung.

Der Aufschrei ist in Gesellschaft, Verwaltung und Politik erwartungsgemäß groß. Solidaritätsbekundungen allüberall, hehre und wütende Reden darüber, dass es wirtschaftlicher Wahnsinn sei, dass die Geschäftsführung „lüge und betrüge“ und dass diese Entscheidung so völlig an der Verwaltung vorbeigegangen sei…

Hierzu sei Folgendes angemerkt:

Wirtschaftlicher Wahnsinn

Ich kenne Merger, bei denen die Partner vertraglich einen bestimmten Unternehmenswert zu einem bestimmten Zeitpunkt festgelegt haben; mit dem Ergebnis, dass man jede Innovation eingestampft hat, um zu vermeiden, den Wert des Unternehmens zu erhöhen und damit den Merger zu gefährden. Schaute man im Markt nach rechts und links, konnte man sehen, wie der Mitbewerb mit neuen Innovationen vorbeirauschte… der Wahnsinn hat Methode.

Jeder, der in einem Konzern oder in einem zumindest unübersichtlich großen Unternehmen arbeitet, weiß darüber hinaus, dass Entscheidungen von oben teilweise völlig absurd sind: Umstrukturierungen, Ausgliederungen, Werksschließungen, Budgetvorgaben. Meist arrangiert man sich in der Abteilung, um den größten Schaden für Team, Aufträge und Kunden abzuwenden. Die Kosten für diese Blindleistungen sind finanziell, personell und materiell immens. Und egal.

Ich rate deshalb allen Fürsprechern des Aachener Werkes, nicht zwingend eine Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung zu suchen oder einzufordern oder auf Einsicht und Vernunft aus der Führungsriege zu setzen. Die Energie sollten sie eher einsetzen, um auch Lösungsansätze ohne Mitwirkung von Bombardier zu überdenken: Eine Talbot-Neueröffnung als Management-Buy-Out mit den vorhandenen Fachkräften und mit Unterstützung der Stadt. Nur eben ohne Bombardier. Zum Beispiel.

„Belogen und betrogen“

Wenn eine anerkannte Wirtschaftsexpertin wie Ulla Schmidt medienwirksam lamentiert, man wäre „belogen und betrogen“ worden, wird schnell zweierlei klar: Sie hat einerseits offensichtlich ein erschreckend naives Verständnis für die Abgründe des globalisierten Kapitalismus. Ich wundere mich immer wieder, wie blauäugig gestandene Politiker auf Firmen wie Nokia, LG oder jetzt Bombardier hereinfallen.

Im Zuge der Gewinnmaximierung ist es einem weltweit agierenden Konzern herzlich egal, was nach dem Auslaufen von Förderungen oder dem Abschluss der vermittelten Aufträge mit dem sozialen oder wirtschaftlichen Umfeld in irgendeinem Provinzwinkel der Erde passiert. Sie ziehen weiter, um den nächsten Claim abzuschöpfen; und Unbelehrbare erneut vor den Kopf zu stoßen. Vermutlich hoffen die jeweils amtierenden Entscheider, sie können sich in dem Erfolg sonnen, Gutes für die Region getan zu haben, und das Fallbeil möge sich noch bis zum Ende ihrer Amtszeit gedulden. Vielleicht fällt demnächst Bombardier Görlitz, wenn der lukrative Rekord-Auftrag für die Schweizer Bahn erledigt ist, die tschechischen Leiharbeiter deshalb ordentlich bezahlt werden wollen und auch die Wirtschaftsförderung ausbleibt…

Und zum Zweiten ist natürlich Bundestagswahlkampf. 1200 potenzielle Wähler wollen gefangen sein. Da nimmt man gerne schon mal persönlich ein paar Sandsäcke zur Hand…

„Schlag mich!“

Was ich nur am Rande ein wenig nachvollziehen kann:

Die oberste Chefetage sagt den Mitarbeitern des Aachener Werkes mitten ins Gesicht: Ihr seid uns furzegal! Ist uns egal, was aus euch wird! Und es ist uns egal, was ihr für eine hervorragende Leistung bringt! Basta!

Und die Mitarbeiter stehen vor den Toren und rufen: Wir bleiben und wollen weiter bei euch arbeiten!

Wie kann das sein? Der normale Menschenverstand würde doch wohl eher gebieten, sich diesen Chefs entgegenzustellen und zu rufen: Schert euch zum Teufel und macht euren Mist alleine! Und das würden nicht nur die Aachener rufen, sondern auch die Kollegen aus allen anderen acht deutschen Niederlassungen. Denn die stehen auch auf der Liste. Der Schnitter kommt klopfen. Irgendwann.

Stattdessen: Mahnwachen und Durchhalteparolen. Über Bombardier-interne Solidarität schweigen die Medien. Stecken die Mitarbeiter der anderen Werke gerade im Stau? Verschon‘ mein Haus…?

Warum ich es ein Stück weit nachvollziehen kann: Was wäre die Alternative? Arbeitslos als zu teure Fachkraft, zunächst in den Fängen der BA, danach ALGII… sicher keine rosigen Aussichten. Hier opfern die Mitarbeiter Selbstbestimmung und Selbstachtung dem Fetisch „fest in Lohn und Brot“, verhängnisvoll angetrieben durch verständliche Existenzängste.

Und Politik und Verwaltung? Stehen belämmert da, können nur beleidigt schnappatmen ob der Missachtung durch die Konzernführung und etwas von Angeboten und Verhandlungen plappern. Aber ihnen sind die Hände gebunden. Sie sind keine gleichberechtigten Verhandlungspartner, sondern Bittsteller, die sich Bombardiers Gunst mit neuen Aufträgen (höre ich hier jemanden „Campusbahn“ raunen?), Fördergeldern oder Aufweichen gesetzlicher Rahmenbedingungen erkaufen können. Sie stampfen mit dem Fuß auf, halten die Luft an. Mehr aber wohl kaum.

Und wofür der Versuch, weiter unter Bombardiers Flagge zu segeln? Damit man in zwei Jahren wieder über Entlassungen und Werksschließungen diskutiert?

Jede Lösung zur Fortführung des Betriebs unter Herrschaft Bombardiers ist nur ein Pyrrhus-Sieg. Immer ein Stück weit mehr entgegenkommen, immer neue Zugeständnisse, immer schwächere Verhandlungsposititonen… das ist Flickwerk am Seidenfaden, statt das Damokles-Schwert an einer ordentlichen Kette zu befestigen (oder es einfach abzuhängen und in die Ecke zu feuern).

Was tun?

Die regionale Lösung

Die Abservierten sollten zusammen mit Fachleuten aus Gewerkschaften, Kammern und Verwaltung alle Kräfte bündeln, um ein ordentliches Management-Buy-Out hinzubekommen. Fachkräfte und Infrastruktur sind da, Aufträge offensichtlich auch. In zwei angrenzenden Ländern kann man um Aufträge buhlen.

Und mit wachem Geist kann man sich vermutlich auch anderen Produktionsbereichen öffnen. Was das sein könnte? Das zu erarbeiten hat die RWTH jede Menge, vermutlich hochdotierte Köpfe aus allen Ingenieursdisziplinen aufzubieten.

Die regionale Solidarität ist erstaunlich groß. Es bleibt abzuwarten, ob der Zusammhalt auch bei einem eigenverantwortlich geführten Betrieb stark bleibt.

Sollte Bombardier tatsächlich hinschmeißen, ohne dass man eine gedeihliche Lösung findet, muss man rechtlich prüfen, inwieweit der Konzern Zahlungen von Arbeitslosengeld, Fortbildungskosten und letztlich ALGII zu leisten hat (nicht, dass ihn diese Kosten würden umstimmen können… siehe oben).

Die nationale Vision

Wir brauchen eine soziale Wirtschaftsdemokratie, in der systemrelevante Konzerne und Unternehmen nicht nach Belieben schalten und walten können. Wie kann es sein, dass ohne Not ein Federstrich irgendwo auf diesem Planeten 1200 größtenteils hochqualifizierte Menschen in Aachen den Job kostet? Hier muss die Politik generell ein Mitspracherecht bekommen, und zwar als gleichberechtigter Partner, nicht als Bittsteller.

Die Mitarbeiter brauchen noch stärkere Mitbestimmungsrechte. Was nutzen Arbeitsschutz, Tarifvertrag und Betriebsrente, wenn sie trotz guter Arbeit und Auftragslage einfach mal so auf die Straße gesetzt werden können? Liebe Gewerkschaften: Eure Aufgabe endet nicht damit, dass ihr jetzt heroisch auftretet und euch nach erfolgreichen Arbeitszeit- und Lohnverhandlungen zufrieden zuprostend zurücklehnt. Ihr seid wichtig! Schaut auch mal vor die Werkstore. Es gibt viel zu tun!

Schließlich darf ein kaltgestellter Mitarbeiter sich nicht derart prostituieren müssen, dass er sich aus Existenzangst lieber dem ungnädigen Chef andient, als erhobenen Hauptes aus dem Werkstor zu schreiten und in Ruhe nach neuen Chancen Ausschau zu halten. Wir sollten ihm das ermöglichen, indem wir ihm den Rücken freihalten mit einem Sozialsystem, das seinen Namen verdient.

Update 1: Mittlerweile findet sich am Schotterwagen vor dem Eingang ein Transparent der Bombardier-Belegschaft Siegen.

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